Spotlight: Inverted Coaster

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Oliver Rümpelein

Das hier ist der erste Teil einer Drei-Episoden-Serie über Inverted- und Suspended-Coaster. Teil 2 wird sich den Suspended Coastern widmen, Teil 3 den Wirrungen um die Bezeichnung und Bauform.

Was ist das?

Inverted Coaster bezeichnet eine Bauform von Achterbahnen. Bei diesen befinden sich die Schienen über den Fahrgästen. Im Gegensatz dazu wird eine „normale“ Bahn als „Sit-Down-Coaster“ bezeichnet.

Der Unterschied zu den ebenfalls „aufgehängten“ Suspended Coastern besteht darin, dass letztere schwingend aufgehangen sind, während Züge von Inverted Coasters (wie ein normaler Achterbahnzug) fest montiert sind. So klein dieser Unterschied auch wirkt, sein Einfluss auf die Achterbahnlayouts könnte kaum größer sein.

Ein Problem, dass sich durch diese und die nächste Folge ziehen wird, ist ein begriffliches: Die Abgrenzung zwischen Inverted- und Suspended Coaster ist in einigen Bereichen verschwommen. Mehr dazu in Folge drei.

Wie fährt sich das?

Das hängt sehr vom Hersteller ab.

Allen Bahnen gemein ist, dass ein guter Teil des „Thrills“ daher kommt, dass die Beine frei baumeln und man freien Blick nach unten hat. Nachteilig ist allerdings, dass man Bauartbedingt keine so freie Sicht auf die Strecke hat, sofern man nicht in der erste Reihe sitzt (Für einige Achterbahnfans ist das deshalb ein muss). Gerne eingesetzte Effekte sind sogenannte „Foot-Chopper“, also Situation, in denen man auf einen Gegenstand zufährt und erst im letzten Moment nach oben oder seitlich wegzieht. Hierdurch erhält man zunächst den Eindruck, dass einem die Beine „abgesäbelt“ werden könnten.

Legendär vom Fahrverhalten sind vor allem Vekoma’s SLCs („Suspended Looping Coaster“), die entgegen des Namens keine Suspended-Coaster sind. Diese sind unter Enthusiasten berüchtigt für ihre ruppige Fahrweise, die mitunter starte Kopfschmerzen verursacht – was auch den sehr klobigen Bügeln geschuldet ist. Diese Inverter sind meist sehr kompakt gebaut und vollführen eine große Anzahl an Inversionen (Standard bei SLCs: 5) auf engem Raum. (Beispiel: Limit im Heide-Park (RCDB), MP-Express im Movie Park (RCDB))

Der zweitgrößte Hersteller B&M setzt hier auf andere Qualitäten: Dies Bahnen „drücken“ enorm, d.h. man ist sehr häufig hohen Kräften ausgesetzt, die einen in den Sitz pressen. Diese kraftvollen Stellen sind häufig unterbrochen von schnell durchfahrenen Inversionen die einen mitunter schwerelos im Sitz gleiten lassen. (Beispiel: Black Mamba im Phantasialand (RCDB))

Bei Intamin sind die meisten Bahnen sogenannte Impulse-Coaster, d.h im wesentlichen große Halfpipes, die einen langsam aufschaukeln. Machen wohl Spaß, sehen aber eher eintönig aus. Zusätzlich bietet Intamin auch eine „Suspended Family Coaster“-Reihe, die sich eher an Familien mit größeren Kindern richtet und kein Suspended Coaster ist.

Wer kauft sowas?

Durch massenkompatible Fertigung waren Vekoma SLCs eine Zeit lang das Mittel der Wahl, wenn ein mittelgroßer bis großer Park mit beschränkten Budget (oder Platz) eine Thrill-Achterbahn kaufen wollte. Selbiges gilt für Intamins „Impulse Coaster“ Reihe.

B&M Inverted Coaster spielen in einer anderen Liga: Nicht selten sind dies Bahnen auch mehrer Jahre nach Eröffnung noch da Aushängeschild des Parks. Dieses sehr hohe Investment richtet sich vor allem an Parks, die eine weitere Attraktion für „Thrill Seeker“ benötigen.

Die meisten weiteren Bahnen sind eher als etwas spannendere Familienachterbahnen ausgelegt und sind u.a. ein gutes Mittel für Familienparks, mit relativ wenig Platzbedarf mit den sie besuchenden Familien alters- und spannungsmäßig mitzuhalten.

Wer stellt das her?

Mit Abstand größter Hersteller von Inverted Coastern ist Vekoma, mit 80 gelisteten Exemplaren, gefolgt von B&M (38), Golden Horse (33), Beijing Shibaolai (23) und Intamin (17).

In Europa stammen die meisten Bahnen ebenfalls von Vekoma (19), gefolgt von B&M (8), Pinfari (4) und Intamin (3).

Hier die vollständige Liste aller Hersteller:

  • Vekoma (80)
  • B&M (38)
  • Golden Horse (33)
  • Beijing Shibaolai / 北京实宝来游乐设备有限公司 (23)
  • Intamin (17)
  • Beijing Jiuhua / 北京九华游乐设备制造有限公司 (7)
  • Pinfari (7)
  • (Unbekannt) 6
  • Fabbri (3)
  • Mack Rides (3)
  • Hebei Zhongye / 河北中冶冶金设备制造有限公司 (2)
  • abc Rides (1)
  • Giovanola (1)
  • Hoei Sangyo (1)
  • Qin Long / 钦龙工贸有限公司 (1)
  • Sartori (1)
  • SBF Visa (1)
  • S&S Sansei (1)
  • Três Eixos (1)
  • Yamperla (1)
  • Zhipao / 河北智跑游乐设备制造有限公司 (1)

Woran kann man die Hersteller unterscheiden?

Am einfachsten ist hier B&M. Diese Bahnen haben zum einen einen Box Track, d.h. der tragende Körper der Schiene ist im Querschnitt ein Rechteck. Zum anderen haben B&M-Inverter als einzige in dieser Liste pro Reihe vier Sitzplätze. Den Spezialfall Euro-Star (NICHT von B&M, RCDB) betrachte ich unter Trivia.

Steht man vor einer Bahn mit Traversenschiene (d.h nicht mit zentralem Träger und Laufrohren, sonder mit drei oder vier Rohren und direkten Verbindner, ähnlich den Bauelementen einer Konzertbühne) handelt es sich um eine Intamin-Bahn. Dieser Hersteller hat auch als einziger Wägen mit zwei Reihen die man klar erkennen kann.

Vekoma-SLCs haben Schienen, die an ein mit der offenen Seite nach vorne umgefallenes „C“ erinnern. Die Räder der Züge greifen von Innen auf die an den Enden angebrachten Laufschienen an. Außerdem haben alle ein beinahe identisches Layout.

Vekoma SFC/STC (Suspended Family bzw. Thrill Coaster) haben ein klassisches Schienenlayout mit zwei Laufrohren, die an einem runden Backbone angebracht sind.

Bisher noch nicht genannt wurden die insgesamt 7 Anlagen des italienischen Herstellers Pinfari. Dieser hat (ähnlich einer einzelnen gebauten Intamin-Bahn, die in einer Halle steht) abseits der Inversionen Schienen, die an eine Leiter erinnern. Diese „XPress“-genannten Bahnen gibt es allerdings nur in zwei recht ähnlichen Varianten, die sehr kompakt und transportabel gestaltet sind. Beide Schienentypen sieht man sehr schön auf diesem RCDB-Bild.

Wo kann ich das in Deutschland fahren?

In Deutschland gibt es derzeit vier fahrende stationäre Anlagen sowie eine im Bau. Ich richte mich hier ausschließlich nach der Klassifkation der RCDB (Stand: 10. Mai 2020), damit die Ergebnisse reproduzierbar sind. An welchen Punkten das vielleicht Probleme gibt erfahrt in in Teil 3. Die Anlagen sind:

  • Black Mamba – Phantasialand (B&M, RCDB)
  • Arthur – Europapark (Mack Rides, RCDB), mehr Infos weiter unten
  • Limit – HeidePark (Vekoma SLC, RCDB)
  • Lucky Luke – The Ride – Movie Park Germany (Vekoma SLC, RCDB), früher MP Express, und den Namen wird die Bahn vermutlich so schnell nicht los
  • Hals-über-Kopf – Tripsdrill (Vekoma STC, RCDB), derzeit in der Testphase und erste Auslieferung dieser Art

Welche Trivia gibt es?

  • Arthur im Europapark (RCDB) – und ebenso Dragon Gliders in Motiongate Dubai (RCDB) sowie eine noch unbenannte Installation in Universal Studios Beijing (RCDB)– habe ich in dieser Episode bewusst ausgelassen. Sie sind zwar technisch durchaus Inverted Coaster, aber in ihrer Gesamtheit so speziell, dass sie dann doch wieder etwas anderes sind. Der volle Titel dieser Bahnen wäre wohl „Inverted Powered Coaster mit Interaktiven Dark-Ride-Elementen and kontrollierter Drehung“.
  • Bandit Bomber von Vekoma (RCDB) ist ein Einzelstück für die Yas Waterworld in Abu Dhabi. Man könnte die Anlage auch als interaktives Wasserfahrgeschäft führen, denn während der Fahrt interagiert man nicht nur über Laserpistolen mit Spritzeffekten in der Umgebung, man kann auch nicht fahrenden Besuchern des Parks durchnässt werden.
  • Euro-Star (RCDB) als Spezialfall habe ich oben bereits erwähnt. Der Grund hierfür: Nach den Kriterien könnte man Schätzen, es handele sich um eine Bahn des Herstellers B&M, gebaut wurde sie jedoch von einem Konsortium aus Intamin (Steuerung, Teilprojekt Bau), Giovanola (Schienenfertigung, Endmontage), den Ingenieurbüros Stengel (Statik) und Bruch (Gesamtleitung, Sohle), Mack und Gerstlauer (Kasse und Station). Giovanola hat zu dieser Zeit ihrerseits (Hörensagen) sehr oft mit Bolliger & Mabillard kooperiert, wofür neben der Anordnung der Sitze (Reihen á 4 Personen) auch der Schienenquerschnitt spricht. Mehrere Jahre war unklar, wo die Bahn sich befand und ob sie noch überhaupt existierte, bis im Sommer letzten Jahres Bilder auftauchten, die die Anlage beim Aufbau im russischen Anapa zeigten. Zeitliche Einordnung: Vorgestellt 1995, zu diesem Zeitpunkt gab es in Europa nur Nemesis (RCDB) und Condor (RCDB) an Invertern. Mehr Infos über diese faszinierende Bahn gibt es bei Coastersandmore.de.
  • Volcano, The Blast Coaster (RCDB) war eine Intamin-Bahn mit LIM-Abschuss im US-Amerikanische Park Kings Dominion. Besonders markant war die Thematisierung, bei der man nach dem Launch im Inneren eines künstlichen Vulkans zunächst senkrecht nach oben und dann kopfüber aus dem Schlot des Berges fuhr. Im Jahr 2018 wurde Volcano wenige Wochen nach Saisonstart geschlossen, im Jahr darauf abgerissen.
  • Dueling Dragons, die 1.: In Universal Studios befand sich bis 2017 ein Paar von B&M Inverted Coastern (RCDB), die sich duelliert haben. Eyecatcher ist eine Konstellation aus zwei Vertikalloopings, bei deren Einfahrt die Züge direkt aufeinander zu fahren. An ihrer Stelle steht heute Hagrid’s Magical Creatures Motorbike Adventure (RCDB).
  • Könnte man nicht einfach an den Looping einer normalen Achterbahn außen einen Inverter dran bauen? Ja, und Intamin hat das gemacht! Leider in China (Guangzhou) gelegen ist diese Bahn namens Dueling Dragons (RCDB) der Traum aller spinnerten Achterbahnabende.
  • Genau so verrückt, aber nie gebaut, ist ein Konzept der inzwischen insolventen Firma Gordon Rides, über die man erstaunlich wenig Quellmaterial findet. Diese haben ein Patent zu einer Invertierten Holzachterbahn eingereicht. Ein paar Bilder, und ein Entwurf eines möglichen Layouts, findet man in einem Video von Theme Park Crazy (Youtube, Englisch)

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